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18 November 2021

Asexualität - Erklären und entstigmatisieren

Christo Van Meer

"Urteile über niemanden, bevor du eine Meile in seinen Schuhen gelaufen bist" - so lautet ein altes Sprichwort. Völlig richtig! Aber das ist nicht immer möglich, wenn es sich um jemanden handelt, dessen Erfahrungen und Ansichten wir nicht verstehen. Was macht man in einem solchen Fall? Nun, man stellt Fragen: Wer bist du? Was fühlst du? Christo Van Meer - Psychiater und Therapeut - erzählt uns alles, was wir über Asexualität und Menschen, die sich als asexuell identifizieren, wissen sollten. Unser Standpunkt: Es steht jedem frei, sich als das zu identifizieren, was sich für die Person richtig und angenehm anfühlt. Ohne Ausnahme. 

Laut Wikipedia steht Asexualität für das Fehlen sexueller Anziehung zu anderen Menschen oder für ein geringes oder fehlendes Interesse an oder Verlangen nach sexueller Aktivität. Das ist nicht ganz richtig, denn die neueste Forschung hat herausgefunden, dass Asexualität, genau wie die meisten Dinge in Bezug auf Sexualität und Geschlecht, ein Spektrum ist. In der englischsprachigen Literatur wird Asexualität als Oberbegriff verwendet, der mehrere Varianten umfasst: Demisexuelle - Menschen, die sich erst dann sexuell zueinander hingezogen fühlen, wenn eine starke emotionale Bindung entstanden ist, Grey Asexuelle - Menschen, deren sexuelle Anziehung von bestimmten Gefühlen, der Umgebung und Persönlichkeitsmerkmalen bestimmt wird, sowie queerplatonisch identifizierte Menschen - Menschen, die Beziehungen ohne sexuelle oder romantische Aktivitäten eingehen.

In unserer Gesellschaft existieren und gedeihen leider viele Stereotypen über Asexualität. Die meisten von ihnen basieren auf der Vorstellung, dass Asexualität entweder eine Wahl, eine bewusste Entscheidung oder eine Folge eines vergangenen sexuellen Traumas ist. Nichts davon ist richtig.  

Asexualität ist weder eine Wahl, noch eine Abweichung von der Norm, noch eine Traumareaktion. 

Mehrere Studien haben bestätigt, dass sich Personen, die sich als asexuell identifizieren, in Bezug auf ihre geistige und körperliche Gesundheit in keiner Weise von heterosexuellen und homosexuellen Menschen unterscheiden - es wurden keine hormonellen Ungleichgewichte, psychologischen Traumata oder andere Abweichungen festgestellt.

Dank des Aufkommens fundierter Forschungsarbeiten und laufender Gespräche haben viele Asexuelle, die sich früher "kaputt" und "anders als die anderen" fühlten, begonnen, objektivere wissenschaftliche Informationen über ihre Sexualität zu erhalten, was zu einer Entstigmatisierung und einem besseren Verständnis ihrer selbst führte. Übrigens: Nach verschiedenen Schätzungen liegt die Zahl der Asexuellen in der menschlichen Bevölkerung bei 1 %.

Auch wenn Asexualität im Vergleich zu anderen Sexualitäten weit weniger erforscht ist, was zum Teil daran liegt, dass Asexuelle nicht immer das Bedürfnis haben, sich öffentlich zu äußern oder sich zu outen, erleben Asexuelle immer noch Diskriminierung und mangelnde Akzeptanz.

Einige der häufigsten Sätze, mit denen Asexuelle konfrontiert werden, wenn sie sich outen, sind: "Asexualität gibt es nicht", "Du hast nur noch niemanden gefunden, den du magst" und "Wie kann eine Beziehung ohne Sex bestehen?" sowie "Auch das wird vorübergehen" - und Abwandlungen dieser Aussagen. Mit ein wenig Einfühlungsvermögen und Rücksichtnahme kommt man weit - aber diejenigen, die Intimität als einen wichtigen Teil ihres Lebens betrachten, sind sich vielleicht einfach nicht bewusst, dass manche Menschen sie nicht wollen oder brauchen. Aus diesem Grund suchen sie nach jeder Art von rationaler Erklärung für dieses Phänomen. Es sei darauf hingewiesen, dass diese "rationalen" Erklärungen den Menschen, die sich als asexuell identifizieren, mehr schaden als nützen.

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Es sollte auch darauf hingewiesen werden, dass Asexualität nicht mit Zölibat gleichzusetzen ist. Zölibat ist eine bewusste Entscheidung, aus persönlichen Gründen auf Intimität zu verzichten. Asexualität beschreibt das Fehlen des Wunsches nach sexuellen Beziehungen. Übrigens ist einer der häufigsten Asexualitätsmythen, dass Asexuelle keinerlei Verlangen verspüren - tatsächlich können sie manchmal sexuelle Beziehungen haben und diese genießen, aber dies geschieht unter anderen Umständen als bei den meisten Menschen.

Auch Asexuelle können romantische Beziehungen und Freundschaften eingehen, sich verlieben, den Wunsch haben, sich selbst zu befriedigen, Erregung zu empfinden und zum Höhepunkt zu kommen - wie die meisten Menschen auch.

Beziehungen zu Asexuellen können einerseits für diejenigen schwierig sein, die dem Sex Priorität einräumen. Andererseits können diese Beziehungen aber auch sehr tief sein, weil sie auf einer Verbindung beruhen, die über das Körperliche hinausgeht. Wie in jeder Beziehung ist Kommunikation das A und O, also ein ständiger Austausch und die Berücksichtigung der Bedürfnisse und Wünsche des jeweils anderen.

Bei allen Besonderheiten der Sexualität ist uns allen der Wunsch gemeinsam, zu lieben und geliebt zu werden, Freundschaften zu schließen, verstanden und akzeptiert zu werden, tiefe und bedeutungsvolle Beziehungen einzugehen - all die wesentlichen Dinge, die uns im Leben gut und sicher fühlen lassen. Also, lieben und geliebt werden!


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